
Geschichte
Der selbstsüchtige Riese
15 Min.7-9 Jahre
Das ist der Anfang der Geschichte. Die ganze Geschichte läuft in der Sonacast-App.
Die Geschichte
Einführung
Stell dir vor, es gibt einen wunderschönen Garten, voller blühender Blumen und singender Vögel. Kinder spielen dort jeden Tag. Aber dann kommt ein großer, mürrischer Riese zurück, der diesen Garten nur für sich allein haben will. Er baut eine riesige Mauer! Was passiert wohl, wenn der Frühling einfach nicht mehr kommen mag, weil der Riese so selbstsüchtig ist? Begleite uns heute in die zauberhafte Welt von Oscar Wildes Märchen 'Der selbstsüchtige Riese' und finde heraus, wie ein kleines Kind das Herz eines großen Riesen für immer verändert.
Der prächtige Garten und die Kinder
Der Garten des Riesen war wirklich ein magischer Ort. Dort wuchs das weichste, grüne Gras, so sanft unter den kleinen Füßen der Kinder. Überall blühten die schönsten Blumen in leuchtenden Farben, wie kleine Edelsteine auf dem Boden. Und die Bäume! Oh, die Bäume waren etwas ganz Besonderes. Im Frühling trugen sie zarte Blüten, die nach Honig dufteten, und im Herbst hingen an ihren Zweigen die saftigsten Früchte, reif und süß. In diesen Bäumen wohnten auch viele fröhliche Vögel, die die schönsten Lieder sangen. Die Kinder liebten es, nach der Schule in diesen Garten zu kommen. Sie spielten Verstecken zwischen den hohen Büschen, jagten bunten Schmetterlingen hinterher und lauschten den Melodien der kleinen Vögel. Es war ihr Paradies, ein Ort voller Lachen und Freude. Sie wussten nicht, dass ihr Spiel bald ein Ende haben sollte.
Der Winter, der nicht weichen will
Doch eines Tages, nach sieben langen Jahren, kehrte der Riese zurück. Er war bei seinem Freund, dem kornischen Oger, zu Besuch gewesen. Als er in seinen Garten kam, sah er die Kinder spielen! Sein Gesicht wurde rot vor Wut. „Was macht ihr hier?“, brüllte er mit einer Stimme, die so tief war wie ein Gewitter. „Das ist mein Garten! MEIN Garten! Niemand darf hier spielen, außer mir!“ Die armen Kinder bekamen einen solchen Schreck, dass sie in alle Richtungen davonliefen. Der Riese war so selbstsüchtig. Sofort baute er eine hohe Mauer um seinen prächtigen Garten. Sie war so hoch, dass niemand mehr hineinsehen konnte. Und an das große Tor hängte er ein Schild mit der Aufschrift: „Zutritt strengstens verboten!“ Die Kinder waren sehr traurig. Nun hatten sie keinen schönen Ort mehr zum Spielen. Sie versuchten, auf der Straße zu spielen, aber dort war der Boden hart und staubig. Es gab keine Blumen, keine weichen Grasflächen, keine Schatten spendenden Bäume. Sie dachten oft an den verzauberten Garten und wünschten sich, sie könnten wieder darin spielen. Und so kam es, dass der Frühling im ganzen Land ankam, nur nicht im Garten des Riesen. Überall blühten die Blumen, die Vögel sangen ihre schönsten Lieder, und die Bäume trugen zarte grüne Blätter. Doch im Garten des Riesen blieb der Winter. Der Nordwind tanzte den ganzen Tag durch die leeren Bäume, der Frost malte überall weiße Muster, und der Schnee breitete seine kalte, weiße Decke aus. Sogar der Hagel kam zu Besuch und klopfte laut an die Fenster des Riesen. Die kleinen Frühlingsvögel wollten dort nicht singen, weil es keine Kinder gab, die ihnen zuhören würden. Und die Bäume vergaßen, ihre Knospen zu öffnen. „Ich kann nicht verstehen, warum der Frühling nicht kommen will“, murmelte der Riese oft, als er aus seinem Fenster schaute. Aber die Natur wusste es besser. Sie wollte dem selbstsüchtigen Riesen zeigen, was er verloren hatte.
Ein kleines Wunder und die ersten Blüten
Der Winter hielt den Garten des Riesen fest im Griff, Woche um Woche, Monat um Monat. Die Schneeflocken tanzten unermüdlich vom Himmel, und der Frost malte kunstvolle Muster auf die Fenster. Der Riese saß oft am Fenster, eingehüllt in eine dicke Decke, und fragte sich immer wieder, warum der Frühling ihn vergessen hatte. Er wusste ja nicht, dass die Natur geduldig wartete, bis sein Herz bereit war, sich zu öffnen. Die armen Kinder spielten weiterhin auf der Straße, aber ihre Augen blickten sehnsüchtig über die hohe Mauer. Sie vermissten die bunten Blumen und die warmen Sonnenstrahlen in dem schönen Garten. Jeden Morgen schauten sie, ob sich etwas geändert hatte, ob vielleicht doch ein kleines grünes Blatt zu sehen war. Aber nichts. Nur kalter Wind und grauer Himmel. Eines Tages, als die Sonne für einen kurzen Moment durch die Wolken blinzelte, entdeckte ein kleines Mädchen etwas. „Schaut mal!“, rief sie ihren Freunden zu. „Dort, ganz unten an der Mauer, ist ein kleines Loch!“ Es war wirklich nur ein ganz kleines Loch, vielleicht so groß wie ein Kaninchenbau. Die Kinder drängten sich neugierig heran. Ein kleiner Junge, der der Kleinste von allen war und sich immer traute, neue Dinge auszuprobieren, schob sich vorsichtig durch das Loch. Es war eng, und er musste sich sehr anstrengen. Aber dann, plötzlich, war er hindurch! Er stand im Garten des Riesen. Und in genau diesem Moment, als seine kleinen Füße den Boden des Gartens berührten, geschah etwas Wundervolles. Um ihn herum, nur in diesem kleinen Bereich des Gartens, erwachte die Natur wie von Zauberhand! Die weißen Schneedecken schmolzen wie Eis in der Sonne. Überall sprießten kleine, grüne Grashalme aus der Erde. Kleine, bunte Blumen, rot und gelb und blau, reckten ihre Köpfe der Wärme entgegen. Die Vögel, die den ganzen Winter geschwiegen hatten, fingen an, die schönsten Lieder zu singen. Die anderen Kinder, die durch das Loch blickten, konnten es kaum glauben. „Frühling!“, flüsterten sie. Eines nach dem anderen schlüpfte auch durch das kleine Loch. Und überall, wo sie hintraten, verschwand der Winter, und der Frühling breitete sich aus. Die kahlen Bäume bekamen auf einmal zarte, grüne Blätter, und an den Zweigen zeigten sich die ersten Blütenknospen. Der Riese, der wie jeden Morgen aus seinem Fenster schaute, rieb sich verwundert die Augen. Was war das denn? Sein Blick fiel auf eine Ecke seines Gartens, die plötzlich voller Leben war. Dort spielten Kinder! Und dort blühten Blumen und sangen Vögel! Aber der Rest seines riesigen Gartens? Der war immer noch tiefster Winter. Der Riese verstand es nicht. „Wie kann das sein?“, murmelte er. „In dieser Ecke ist Frühling, aber überall sonst ist Winter. Es ist ein großes Geheimnis.“ Er beobachtete die Kinder genau. Sie lachten und rannten zwischen den blühenden Bäumen herum. Sie spielten Fangen und versteckten sich hinter den neuen Büschen. Ihr Lachen war wie Musik in seinen Ohren, so lange hatte er es nicht mehr gehört. Da sah er in einer Ecke des Gartens einen ganz kleinen Jungen. Dieser Junge hatte es nicht geschafft, sich auf einen der Bäume zu schwingen, wie die anderen Kinder. Er stand vor einem wunderschönen Baum, dessen Zweige voller zarter, weißer Blüten hingen. Er versuchte immer wieder, nach einer Blüte zu greifen, aber er war einfach zu klein. Seine kleinen Arme waren nicht lang genug. Der Baum beugte seine Zweige nicht für ihn, und der Junge konnte ihn nicht erreichen. Er blickte traurig zum Baum hinauf, und Tränen kullerten über sein kleines Gesicht. Der Riese sah, wie der kleine Junge weinte, weil er die schönen Blüten nicht erreichen konnte. Und als er die Tränen des Jungen sah, spürte der Riese zum ersten Mal seit langer, langer Zeit ein seltsames Gefühl in seiner Brust. Es war ein Gefühl, das er nicht kannte, etwas Warmes und Weiches. Es war Mitleid. „Wie selbstsüchtig ich doch gewesen bin!“, dachte der Riese. „Jetzt weiß ich, warum der Frühling nicht kommen wollte. Er wollte nicht in einem Garten wohnen, in dem Kinder nicht willkommen sind.“ Ein großes Verständnis breitete sich in seinem Herzen aus. Er hatte die Kinder vertrieben, und mit ihnen hatte er die Freude und das Leben aus seinem Garten verjagt. Und weil die Kinder nicht da waren, wollte auch der Frühling nicht kommen. Nur für diese Kinder, die den Mut hatten, wieder in seinen Garten zu schleichen, war der Frühling zurückgekehrt. Der Riese stieg von seinem Bett auf und ging leise die Treppe hinunter. Er wollte dem kleinen Jungen helfen. Er wollte ihm zeigen, dass er kein böser Riese mehr war. Sein Herz pochte ganz schnell. Er wusste, er musste etwas tun. Er musste seine Fehler wiedergutmachen.
Das verwandelte Herz des Riesen
Der Riese ging vorsichtig aus seinem Schloss. Sein Herz pochte noch immer schnell, aber nicht mehr vor Angst, sondern vor einer neuen Art von Mut. Er sah den kleinen Jungen, der immer noch unter dem Baum weinte, seine kleinen Schultern zitterten leise. Seine Tränen tropften auf den gefrorenen Boden und bildeten winzige Eiskristalle. Die anderen Kinder standen etwas abseits, hinter den kahlen Büschen, und schauten ängstlich und misstrauisch zu. Sie waren bereit, jederzeit wegzulaufen. Der Riese wollte nicht, dass sie wegliefen. Er musste ihnen zeigen, dass er sich geändert hatte. Er ging ganz langsam, Schritt für Schritt, als ob er auf rohen Eiern ginge, um ja keinen Lärm zu machen. Seine riesigen Füße hob er vorsichtig an und setzte sie sanft wieder auf den Boden. Als er näherkam, hob der kleine Junge seinen Kopf. Seine Augen waren rot und geschwollen vom Weinen. Der Riese kniete sich vorsichtig und mühsam hin, ganz tief, damit er auf Augenhöhe mit dem Jungen war. Er streckte seine riesige Hand aus, ganz sanft und offen, ohne eine Spur von Ärger. "Kleiner Freund", sagte der Riese mit einer Stimme, die so leise und warm war, dass man sie kaum hören konnte, "verzeih mir bitte. Ich war sehr böse zu euch. Ich habe gelernt, dass ich falsch lag." Der kleine Junge schaute ihn an. Er sah, dass die Augen des Riesen jetzt voller Traurigkeit und Reue waren, nicht mehr voller Wut oder Strenge. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Der Riese nahm den Jungen dann ganz behutsam in seine großen Hände und hob ihn sachte hoch in die Äste des Baumes. Er half ihm, sich bequem hinzusetzen. In dem Moment, als der kleine Junge die Äste berührte und sich festhielt, geschah etwas Wundervolles und Magisches! Der Baum, der vorher kahl und winterlich gewesen war, begann plötzlich vor den Augen aller zu leben! Kleine, saftig grüne Blätter sprangen wie kleine Wunder hervor, und dann, ganz schnell, öffneten sich unzählige wunderschöne Blüten in den allerschönsten Farben: leuchtendes Rosa, strahlendes Gelb, zartes Weiß und tiefes Rot. Überall zwitscherten kleine Vögel, die vorher nicht da gewesen waren, ihre fröhlichsten Lieder. Der Baum war nicht länger traurig und kahl, sondern voller Leben und Freude! Der kleine Junge strahlte über das ganze Gesicht. Er war so glücklich! Er wickelte seine Ärmchen um den dicken Hals des Riesen und gab ihm einen kleinen, warmen Kuss auf die raue Wange. Dieser Kuss war wie ein magischer Funke, der das letzte Eis im Herzen des Riesen zum Schmelzen brachte! In diesem Augenblick fühlte der Riese, wie sein Herz ganz warm wurde, als ob eine große Sonne darin aufging. Es war, als ob ein riesiger, kalter Eisklotz in seiner Brust mit einem Mal verschwand. Seine Augen füllten sich mit Freudentränen, die wie kleine glitzernde Perlen über seine Wangen liefen. Er war nicht länger der selbstsüchtige Riese. Er war jetzt der liebenswürdigste und freundlichste Riese der Welt. Als die anderen Kinder sahen, was für ein unglaubliches Wunder geschehen war, und wie glücklich der kleine Junge und der Riese waren, rannten sie alle lachend und jubelnd in den Garten! Sie kletterten auf die Bäume, die jetzt alle ihre schönsten grünen und bunten Kleider trugen. Die Vögel sangen ihre fröhlichsten Lieder aus vollem Halse, und bunte Schmetterlinge tanzten leichtfüßig in der warmen Frühlingsluft. Überall im Garten sprossen Tausende von Blumen und dufteten so lieblich, dass der ganze Garten wie ein einziger großer Blumenstrauß roch. Der Frühling war endlich mit all seiner Pracht und Freude da! Der Riese war jetzt jeden Tag mit den Kindern im Garten. Er spielte mit ihnen Verstecken, er erzählte ihnen lustige Geschichten von fernen Ländern, und er ließ sie auf seinen riesigen Schultern reiten, hoch über alle Blumenbeete hinweg. Das Allererste, was er tat, war, die große, hässliche Mauer einzureißen. Mit seinen starken Händen nahm er Stein für Stein, bis kein einziger mehr übrig war. Es war anstrengend, aber er tat es mit größter Freude. "Dieser Garten gehört jetzt allen Kindern! Niemand soll jemals wieder ausgesperrt werden!", rief er glücklich in den Himmel. Von diesem Tag an war der Garten immer voller Leben, Lachen und Sonnenschein. Niemals mehr ließ der Riese einen Winter herein, der die Kinder vertreiben konnte. Die Kinder kamen jeden Tag nach der Schule zum Spielen, und der Riese passte auf sie auf, als wären es seine eigenen kleinen Schätze. Er hatte so viel Freude daran, die Kinder spielen, lachen und lernen zu sehen. Ihr Lachen war die schönste Musik, die er sich vorstellen konnte. Die Jahre vergingen wie im Flug. Der Riese wurde alt und noch älter. Seine Haare wurden weiß wie frisch gefallener Schnee, und sein Gesicht bekam viele kleine, freundliche Lachfältchen um die Augen. Er konnte nicht mehr so wild mit den Kindern spielen und rennen wie früher, aber er saß auf einer großen, bequemen Bank unter dem schönsten Baum und schaute ihnen mit einem sanften Lächeln zu. Er lächelte immer, wenn er sie sah. Doch eines vermisste er sehr, fast jeden Tag: den kleinen Jungen, dem er einst unter dem Baum geholfen und dessen Kuss sein Herz verändert hatte. Der Junge war nie wiedergekommen. Der Riese dachte oft an ihn und an diesen besonderen, magischen Kuss. Eines Wintermorgens, als der Riese schon sehr, sehr alt und schwach war, schaute er aus seinem Fenster in den Garten. Die Bäume waren kahl, aber nicht, weil der Winter so grausam war, sondern weil es die normale Jahreszeit war. Und da, unter dem am schönsten blühenden Baum im ganzen Garten – der Baum, in den er den kleinen Jungen gesetzt hatte – sah er etwas ganz Besonderes. Da stand ein kleiner Junge. Er war nicht mehr ganz so klein wie damals, aber der Riese erkannte ihn sofort. Er hatte dieselben großen, leuchtenden Augen und dieselbe liebliche, besondere Ausstrahlung wie damals. Der Junge winkte ihm freundlich zu. Der Riese spürte, wie sein altes, warmes Herz vor Freude hüpfte, als hätte es nie aufgehört, jung zu sein. Er zog sich so schnell er konnte warm an und ging hinaus in den Garten, um diesen besonderen Besucher zu begrüßen.
Abschluss
Und so hat der selbstsüchtige Riese gelernt, wie schön es ist, sein Herz zu öffnen und Freundschaft zu teilen. Vielen Dank, dass ihr uns auf dieser wunderbaren Reise begleitet habt! Wir hoffen sehr, dass euch unsere Geschichte gefallen hat. Wenn ihr Anregungen oder Wünsche habt, dann lasst es Sonacasts wissen. Vielleicht habt ihr ja jetzt auch Lust bekommen, selbst spannende Abenteuer zu erfinden? Bis zum nächsten Mal, kleine Geschichtenerzähler! Bleibt fröhlich und neugierig!






